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Seminarturnier Rotenburg

veröffentlicht um 31.10.2013, 02:16 von Admin Nimzowitsch   [ aktualisiert: 08.11.2013, 09:26 ]
Als 50-Jähriger gehöre ich zu einer Generation, die sich bei der Auswahl von Lern- und Lehrveranstaltungen kritisch hinterfragt, um nicht auf die Nase fallen. Der Ausdruck Seminar kommt aus dem lateinischen und lässt sich mit "säen" oder "Pflanzenschule" erklären. Nun, Schach ist mein Hobby, doch ich habe es bisher auf keinen grünen Zweig gebracht. Mit diesem Seminar sollte nun alles anders werden....

Organisiert wurde das Seminarturnier von Jörg Hickl, einem deutschen GM der seine Gegner in seiner aktiven Schachzeit mit "Einhickln" zur Verzweiflung brachte. Zum Betreuerteam gehörten GM Robert Hübner und IM Frank Zeller. Spiel, Analyse und Training sollten mithelfen, die Spielstärke zu verbessern. Es wurden 5 Runden nach Schweizer System gespielt, mit einer Bedenkzeit von 90 Minuten für 30 Züge und 30 Minuten für den Rest der Partie. Bevor wir die Partie dem Meister zeigten, besprachen und analysierten wir sie untereinander.. Um besser vorbereitet zu sein, setzte ich zur Analyse den Engine Houdini ein, der mir mit den digitalen Zahlen meine "Verirrungen" aufzeigen sollte. Ich bekam den Eindruck, dass die Partie nicht besonders umstritten und das Remis eine logische Schlussfolgerung war. Umso mehr überraschten mich die Aussagen von Robert Hübner, der die Positionen aus der Partie fein säuberlich zerlegte und kommentierte. Im Gegensatz zum stillen Freund Houdini kritisiert Robert Hübner mit einer bildhaften Sprache. Wenn eine vorteilhafte Position mit schwachen Zügen ruiniert wird, dann hört man in ihm Marcel Reich-Ranicki, der alles schrecklich findet oder nicht versteht, wie solche Züge ausgeführt werden können. Ich erhielt das Gefühl als schlüpfte er in die Rolle des gegnerischen Königs und als haderte er über den Ausgang der Partie. Bei den vielen Gelegenheiten, die er nicht packte, war die Analyse für meinen Gegner ein Spiessruten laufen. Beeindruckend war die Fingerfertigkeit, dank der sämtliche Positionen blitzschnell und korrekt aufgestellt waren. Danach gab es nie den leisesten Zweifel, wer am Zug war. Der Klassenunterschied von 1000 Elo-Punkten zeigt andere Dimensionen im Wissen, Denken und Handeln. Am Schluss war ich so überwältigt, dass ich mich fragte, ob ich diese Partie wirklich gespielt hatte. Robert Hübner erklärte darin so viele Varianten und Ideen, von denen mir während dem Spiel nur ein Bruchteil durch den Sinn ging. Damit das Seminar für uns Amateure und Hobbyspieler nicht zu intensiv wurde, wurde es mit eineinhalb schachabstinenten Tagen aufgelockert. Beim Pilze sammeln, Wandern oder Wellness konnten wir uns gut entspannen. Abends gönnte man sich ein Bier in der Sky Sportsbar und schaute Fussball oder man diskutierte die spannenden Partien vom Tag bei einem trockenen Roten. Die gute Nachricht für alle Schachbegeisterten: Das Seminar wird nächstes Jahr nochmals durchgeführt.