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Eichhof meets Lagavulin: 0-1

veröffentlicht um 24.06.2014, 22:16 von Admin Nimzowitsch   [ aktualisiert: 24.06.2014, 22:20 ]

Sportler achten auf ihre Ernährung. Von Tennisspielern ist bekannt, dass sie auf Bananen schwören. Bekannt ist auch, dass Fussballspieler gerne vom Mannschaftskoch mit Pasta vor einem Spiel versorgt werden. Zur ausgewogenen Ernährung gehört natürlich auch, dass genug und richtig getrunken wird. Süsse und zuckerhaltige Getränke sind verpönt. Früher war man mit einfachem Wasser noch gut unterwegs aber heute gehören isotonische Getränke zum guten Ton – zumal diese (noch?!) auf keiner Doping Liste stehen.

Was ist aber mit den Schachspielern? Was für Flaschen und Esstüten stehen in Griffnähe neben dem Brett? Einer der bekannteren Fälle ist Joghurt. Beim Weltmeisterschaftswettkampf Karpow-Kortschnoi gab nicht so sehr der Nährwert des Joghurts zu reden, sondern vielmehr die Farbe (Früchte?!) der Verpackung. Wurden damit etwa geheime Botschaften dem Spieler vom Sekundantenteam weitergegeben? Interessant wäre in diesem Zusammenhang zu wissen, ob die Anzahl Fruchtstücke im Joghurt stets die gleiche war. Ich meine, ob 3 oder 4 Erdbeerstücke darin enthalten waren kann als Botschaft gewertet werden. Dies wurde allerdings nicht untersucht… Es sind auch Fälle dokumentiert, wo der sich gestört fühlende Schachspieler dem verdutzten Gegenüber die Packung Salzstangen entriss und diese grossmundig und Krümel-Monster-Mässig selber ass.

Schokoladen- und Power-Riegel sind auch gern gesehene Gäste neben einem Schachbrett. Zu den guten alten Zeiten wurde noch von Kaffee-Haus-Spielern gesprochen. Da sieht man schon, dass dem Getränk vor noch nicht allzu langer Zeit mehr Gewicht geschenkt wurde als der Speise. Ein weiterer Blick über die Schachbretter bei Turnieren zeigt, dass den Getränken auch wieder mehr Beachtung zukommt als auch schon. Nehmen wir mal unseren aktuellen Weltmeister. Schon bemerkt, dass dieser stets mit einer Flasche Orangensaft zur Partie erscheint? Wieder andere tauchen mit einer eigenen Mischung in einer geheimnisvollen Thermosflasche auf. Alkoholische Getränke sind aktuell verpönt. Es gab aber in der Vergangenheit auch schon angetrunkene und „besoffene“ Schachweltmeister und Grossmeister (am Brett!). Die Ergebnisse sind zweideutig. Ob nüchtern oder angeheitert, es gibt noch keine akademischen Untersuchungen, wie man seine Spielstärke nachhaltig steigern kann. Immerhin wissen wir aber aus sicherer Quelle, dass angeheiterte Spieler mehr als 32 Figuren zur Auswahl in einer Partie zu glauben haben...

Zu unserer heutigen Partie passt diese kleine Einleitung nicht schlecht. Cavalblanca war Zeuge der nachfolgenden Partie zwischen den in Schachkreisen mit dem Spitznamen bekannten Spielern Eichhof und Lagavulin. Der erste ist bekannt dafür während einer Schachpartie ein oder zwei Bierchen zu konsumieren und dabei respektable Ergebnisse zu erzielen. Der zweite Spieler, Lagavulin ist zwar in seiner Freizeit als single Malt Geniesser bekannt, am Brett schwor er bisher stets auf einfaches Wasser – bisher!

Nach der Eröffnung zwischen Eichhof und Lagavulin war folgende Stellung entstanden. Offenbar hat Lagavulin am Vorabend bis tief in die Nacht analysiert und sein Lieblingsgetränk genossen. Anders kann man die verschlafene - pardon ich meine versoffene - Stellung nicht erklären - ein Desaster!

Eichhof konnte seine Figuren ideal platzieren, währenddessen Lagavulin planlos in der Stellung herumstocherte. Mit Ausnahme des Tf1 hat Eichhof seine Figuren gekonnt und aussichtsreich aufgestellt. Besonders das Springer-Duo auf c5 und e5 ist furchteinflössend. Ausserdem drückt Eichhof auf der c-Linie und auf verschiedene weisse Felder im schwarzen Lager (f5 und b7). Lagavulin hat schlechter postierte Figuren (Ta8, Dd8, Tf8). Der Ld7 ist ein Gefangener seiner eigenen Bauernkette.

Selbstverständlich erkannte auch Lagavulin seine missliche Lage unterschätzte aber die Gefahren bei weitem.

Da Eichhof mit 17.Sa4-c5 indirekt den Bauern f5 attackiert, deckte Lagavulin diesen mittels 17…g7-g6 zusätzlich zur Unfreude des Ld7. Eichhof spielte kurzerhand 18.Se5xd7. Lagavulin fiel beinahe aus seinem Stuhl. Ein positioneller Missgriff dachte Lagavulin – wie kann Eichhof bloss einen seiner zwei superpostierten Springer gegen den Taugenichts auf d7 eintauschen? Hatte sich Eichhof an seiner ersten Bierflasche verschluckt? Zu Partiebeginn hatte nämlich Eichhof sich eine Flasche Bier bestellt und bereits ein paar kräftige Schlucke davon getrunken.

Kaum hatte Lagavulin sich mit diesen Gedanken abgegeben, dämmerte ihm, dass der Zug 18.Se5xd7 kombinatorisch begründet ist. Der Ld7 deckte das Feld e6 und nun ist eine Springergabel mit Qualitätsverlust nicht mehr zu vermeiden. Trotzdem blieb Lagavulin guter Dinge – immerhin winkt der Bauer e3 als kleine Entschädigung. Trotzdem, die Stellung ist ein Trümmerhaufen und wie Lagavulin nach der Partie schilderte, schätzte er diese Stellung als verloren ein, was objektiv auch korrekt ist. Lagavulin konnte nur noch den Kopf schütteln – was für ein Desaster! Die Stellung verschlafen und einen völligen Mist gespielt. Wohlan Eichhof – gut gespielt und Prost!

In seiner Verzweiflung tat nun Lagavulin etwas, was er noch nie gemacht hatte. Er führt nämlich stets einen Flachmann mit feinstem single Malt abgefüllt mit sich. Dieser ist nicht für den Genuss während der Partie gedacht, sondern nach der Partie oder in der Pause. Es wurde nämlich eine Vormittags- und Nachmittagsrunde gespielt. Gedankenverloren griff Lagavulin deprimiert über seine Leistung und den Verlust der Partie vor Augen in die Innentasche seines Anzugs, wo er den Flachmann aufbewahrt. Noch bevor er klar denken konnte hatte er angesetzt und sämtlichen Innhalt in einem Zug getrunken… Da wurde ihm sein Missgriff gewahr – Missgriff? Ach was! Genuss, Wohlbefinden und Wonne stieg nun plötzliche aus seinen Tiefen empor. Plötzlich sah er den keimenden Verlust mit anderen Augen. Sah bis anhin verborgene Ressourcen und versank in tiefes Nachdenken – die anwesenden Kiebitze berichten nach der Partie allerdings etwa 10 Minuten lang ein Schnarchen vernommen zu haben, bevor Lagavulin seinen nächsten Zug ausführte.

In seinem Rausch erkannte Lagavulin nämlich, dass der Bauer d4 vereinzelt auf dem Brett verbleiben wird.  Bekanntlich ist so ein Isolani leichter anzugreifen, weil er durch keinen Bauerskollegen mehr gedeckt werden kann. Da Eichhof, um die Qualität zu gewinnen beide Gewalts-Springer abtauscht, verbleibt ihm als Leichtfigur (nebst den drei Schwerfiguren) nur noch der weissfeldrige Läufer. Dieser vermag allerdings den Bauern d4 selber nicht zu decken. Lagavulin verbleiben zwei Schwerfiguren plus zwei Springer. Man rechne! Reine Mathematik – Lagavulin hat vier potenzielle Angreifer auf den Bauern d4 und Eichhof kann diesen höchstens drei Mal decken! Na? Sind das nicht erfreuliche Aussichten? Nicht ganz, denn Lagavulin ist bei diesem Plan auf die Hilfe von Eichhof angewiesen. Wie wir sehen werden geschieht genau das!

Es bleibt wohl für immer ein Geheimnis ob Eichhof bereits im Siegesrausch war oder nicht. Den Sieg vor Augen hat seine Konzentration vielleicht abgenommen. Ob die geistige oder diejenige im Blut?! Das wissen wir nicht genau. Jedenfalls, bestellte Eichhof eine zweite Bierflasche – vielleicht eine zu viel oder eine zu wenig? Dem guten Eichhof ist allerdings kein Vorwurf zu machen. Der Fairness halber muss gesagt werden, dass Lagavulin von Hause aus im Vorteil war. Ein Glas single Malt bringt mehr Konzentration als ein Glas Bier. Damit kann auch der Geistesblitz von Lagavulin erklärt werden – er war eben in die Stellung mehr vertieft oder wie man hier korrekterweise sagen muss konzentriert, weil er eben single Malt und nicht Bier getrunken hatte. Lagavulin enthält von Hause aus 43% Konzentration währenddessen Eichhof bloss auf 4.8% kommt. Kein Wunder also, dass Lagavulin mehr sah als Eichhof. Eichhof war im Verhältnis von 4.8:43 unterlegen und damit chancenlos!

Aus seiner tiefen Konzentration erwacht, spielte Lagavulin 18…Sf6xd7 .Es folgte 19 Sc5-e6 (die Springergabel) 19 Dd8-e7 20 Se6xf8 De7xe3+ und nun begann Eichhof den Lagavulinschen Plan (unbewusst) zu unterstützen und spielte 21 Dc2-f2 statt des besseren Kg1-h1. Wieso denn das? Haben wir nicht gelernt, dass es einfacher ist mit Materialvorteil ins Endspiel abzuwickeln, wo dann der Verteidiger weniger Figuren hat um noch im Trüben zu fischen? Ja schon, doch keine Regel ohne Ausnahme. Eichhof tauscht fleissig Figuren ab, bis auf seinen Läufer und einen Turm. Lagavulin verbleiben dann noch zwei Springer. Im Kampf um den Bauern d4 ist damit Lagavulin 2:1 im Vorteil!

21…De3xf2+ 22 Tf1xf2 Sd7xf8 23 Tf2-e2 Kf8-f7 24 Tc1-e1 Ta8-e8 25 Te2xe8 Sd6xe8 Genau diese Stellung hatte Lagavulin nach dem Flachmann-Trunk mit anschliessendem Schnarch-Denken vor seinem geistigen Auge. Eine seltsame Stellung – zwei Cavalpatz am Rand! Allerdings keine Schande in diesem Fall sondern eine Ausnahme der Regel! Bisher lief alles wie geschmiert für Lagavulin aber es kommt noch besser für ihn.

26 Ld3-c2 Nichts ahnend begibt sich damit Eichhof endgültig auf die Verliererstrasse. Eichhof hat einen Turm, der allerdings nicht ins Schwarze Lager vorpreschen kann, da die Einbruchsfelder gedeckt sind. Und ein Turm kann nur seine Wirkung auf offenen Linien oder besser noch auf der 7. oder 8. Reihe entfalten, wo er dann auf Bauernjagd gehen kann und Angst und Schrecken verbreitet. Sinngemäss  hätte hier Eichhof unbedingt eine zweite Front öffnen müssen! Das Prinzip der Zwei Schwächen! Eine Schwäche kann der Verteidiger immer noch gut halten, bei zwei wird es aber kritisch! In diesem Sinne war 26 b4! Goldrichtig 26…axb4 (26…Se6 27 bxa5 Sxd4 28 Tb1 Sd6 29 Txb7 und der Bauer läuft durch) 27 a4! Sd7 28 a5 und Weiss hat am Damenflügel eine zweite Schwäche im Schwarzen Lager herbeigeführt, was in diesem Fall entscheidenden Vorteil bringt – Weiss stünde auf Gewinn.

So aber… 26…Sf8-e6 27 Te1-d1 Oh je! Bereits muss der Turm unliebsame Verteidigungsarbeit leisten. Der Anfang vom Ende! 27…Se8-d6 28 a3-a4 es drohte …Sd6-b5 nebst Gewinn des Bauern d4. Allerdings stellt Eichhof zum Leidwesen des Lc2 einen Bauern auf dessen Weidefelder. 28…Sd6-c4 29 Kg1-f2 f5-f4 fixiert die Schwäche auf e3! 30 Lc2-b3 Sc4-e3 31 Td1-d2 Se3-f5 32 Lb3-d1 Sf5xd4 Es ist vollbracht! Dank single Malt Unterstützung ist der Plan aufgegangen! Nun steht Schwarz technisch wohl auf Gewinn. Weiss hat kaum noch Remischancen… Es folgten noch ein paar Züge mehr, bevor Eichhof die Partie aufgab.

Die Moral der Geschicht? Gegen Lagavulin ist kaum ein Kraut gewachsen. Er ist im Schach der Konzentration förderlich. Ach übrigens, noch bevor der Orangensaft Weltmeister war - aber damals schon der stärkste Spieler der Welt - hatte Lagavulin in einem Simultanspiel die Gelegenheit gegen ihn zu spielen. Das Partieresultat war Remis - ALLERDINGS, verflixt und zugenäht! erschien der spätere Weltmeister zu dieser Gelegenheit sonderbarerweise ohne Flasche Orangensaft ebenso wie Lagavulin ohne single Malt Flachmann den Saal betrat - wahrscheinlich das Resultat der strengen Sicherheitskontrollen. Damit bleibt uns die Schachpartie Orangensaft gegen Lagavulin der Nachwelt leider verwehrt!