ANALYSEN‎ > ‎Massimo's Kolumne‎ > ‎

Grob meets Borg: 6-0

veröffentlicht um 27.04.2014, 23:55 von Admin Nimzowitsch   [ aktualisiert: 27.04.2014, 23:56 ]
Goldene Schachzeiten, so heisst der Titel eines (fast schon) vergessenen Schachbuch Klassikers (Cavalblanca hatte wohl bereits einen Lagavulin zu viel. Wie kann ein Klassiker denn schon vergessen sein?) von Milan Vidmar. Damals, im letzten Jahrhundert, da waren die Analysebretter noch aus ehrlichem und schönem Wurzelholz und nicht aus elektrifizierten Silikonverbindungen in Form einer CPU (Central Processing Unit) mit so wohlklingenden Namen wie Fritz, Rybka oder Konsorten. Damals, als Fernschach noch auf dem Postweg gespielt wurde und Tennis Rackets aus filigranem Holz so wie auch ein Golf Driver holzig war und nicht aus hochgezüchteten industriellen Materialverbindungen bestanden, da machte ein gewisser Björn in Stockholm seine ersten schachlichen Geh-Versuche.

Björn war nicht auf den Kopf gefallen und entdeckte im väterlichen Haus auf seinen Erkundungstouren ein wunderbares Schachbrett samt Figuren aus edlem Holz. Schnell erlernte er, wie man damit gekonnt auf dem Brett Kunstwerke schaffen konnte. Er war ein Gefühls Spieler, der auch die Haptik (ein Wort unserer Zeit – früher sagte man dazu. Die Figuren liegen gut in der Hand) des Holzes der schönen Figuren liebte. Er wuchs heran, seine Spielstärke wurde grösser und grösser. Bald war ihm niemand mehr gewachsen, sowohl in Schweden als auch anderswo. Viele Kenner und Meisterspieler sagten ihm eine grosse Schachzukunft voraus – sogar den Weltmeistertitel. Wie kommt es aber, dass wir von keinem starken Schachspieler Björn je gehört haben?

Nun, das ist so. Damals betrieb die altehrwürdige NZZ auch eine FernschachzentraleMeisterspieler Grob spielte eine Fernschachpartie gegen jeden, der es gegen ihn aufnehmen wollte. Man schickte einen Zug an die NZZ und Grob publizierte seinen Gegenzug in der NZZ Kolumne. Da es eine wöchentliche Kolumne war, dauerte eine Fernschachpartie schon mal einige Monate, ja sogar über ein Jahr. Und weil die NZZ nicht irgendeine Zeitung war, und weil der älteste Schachklub der Welt in Zürich ist, war auch die Fernschachzentrale eine Institution im schachlichen Stockholm. Wer in Stockholm etwas auf sich hielt, spielte gegen die NZZ Fernschachzentrale. Und, wer gut war, es zu etwas bringen wollte, musste hier punkten. Remis oder Sieg, das war der Traum eines ambizionierten jeden Schachspiers, da gab es keinen Weg vorbei. Damals, ja damals in den goldigen Schachzeiten galt man nur dann als guter Schachspieler, wenn man einen  Wettkampf Mann gegen Mann mit mindestens 6 Gewinnpartien als Erster gewinnen konnte. Das wussten auch noch Karpov und Kasparov. Doch der ehrliche Kampf Mann gegen Mann auf 6 Gewinnpartien geriet aus undurchsichtigen Gründen später in Verruf…

Wohlan, klein Björn forderte die Fernschachzentrale heraus: Grob gegen Borg. Die ersten fünf Partien sind nicht mehr überliefert und gingen bei der Digitalisierung des NZZ Archivs leider verloren. Bekannt ist das Ergebnis: 5-0 für Grob. Wie konnte das bloss sein? Der talentierte Borg mit 5 Partien im Rückstand?! Tja, manchmal geschehen aus jungem Übermut Dinge, die nicht sein dürften. Doch aus nicht allzu ferner Zeit wissen wir, dass Kasparov im berühmten Schachmarathon gegen Karpov auch nicht den Bettel hinschmiss, als er 5-0 im Rückstand lag – und wir wissen, er holte auf. Der Wettkampf wurde zwar abgebrochen, doch schliesslich setzte sich Kasparov im darauffolgenden Wettkampf durch.

Klein Björn war aus ebenso unbeugsamen Wurzelholz geschnitzt wie Kasparov. Aufgeben gab es für ihn nicht, Kampfwille pur bis zum letzten Schweisstropfen. Also setzte er auch zur 6. Partie gegen die Fernschachzentrale an. Leider ist auch hier die Partienotation nicht überliefert. Allerdings ist die kritische Stellung dieser Partie bekannt. Grob gegen Borg. Weiss am Zug.


Sogar der Laie erkennt, dass Weiss unter schweren Beschuss steht. Borg hat konsequent gespielt und seine Initiative ausgebaut und steht kurz vor dem Mattsetzen – er reibt sich schon die Hände und gratuliert sich in Gedanken zum ersten Sieg. Wahrlich stark gespielt… Doch HALT! Nach dieser Partie verschwand Borg aus der Schachszene. Überhaupt, sowohl für Borg als auch für Grob war diese Partie ein einschneidendes Erlebnis – nichts war danach wie vorher, und zwar für beide! Doch was war geschehen? Es fehlt zwar jegliche Notation zur Partie, aber immerhin wurde das Diagram im NZZ Archiv gerettet UND das Ergebnis des Wettkampfs Grob gegen Borg lautet gemäss Aufzeichnungen der NZZ 6:0, ein Fehler etwa? Wie konnte Borg bloss diese Stellung verlieren?

Der Leser dieser Kolumne ist aufgefordert selber die Lösung zu finden, bekommt aber Hinweise dazu: Weiss am Zug. Ein kleiner Tip. Es gibt nicht viele Züge, welche das Matt verhindern. Darum ist die Auswahl an weissen Kandidatenzügen beschränkt.

Wenn die Lösung nach 30 Minuten noch nicht feststeht, schlage ich vor, die eingangs erwähnte Hilfe in Form einer plattgedrückten kleinen Silikonplatte namens CPU einzusetzten. Jeder Fritz bringt die Lösung. In der Tat, der Schein trügt. Schwarz steht auf Verlust!!! Dabei hatte sich Björn so viel vorgenommen. Doch Grob war eben eine Fernschachzentrale Institution. Für einmal spielte er an dieser Stelle wie der Amerikaner Frank Marshall, der den Spitznamen, der „findigreiche“ Amerikaner hatte… Ja, der findigreiche Grob eben. Er publizierte seinen Gewinnzug in der NZZ und danach hörte man nichts mehr von Borg auf dem Schachbrett…

Grob war nach dieser Partie nicht mehr der Alte. Aus unerfindlichen Gründen eröffnete er fortan mit Weiss stets 1. g2-g4 - diese Eröffnung trägt nun seinen Namen. Unbestätigte Quellen behaupten, dass er nach der 6. Partie gegen Borg zur Erkenntnis kam, dass der Zug 1. g2-g4 stark ist, insbesondere darum, weil er im Vergleich zu g2-g3 und danach g3-g4 ein entscheidendes Tempo spart.

Auch Borg war nach der 6. Partie nicht mehr der Alte. Er tauschte Holz gegen Holz, weil er auf den Geschmack von Wurzelholz gekommen war, Schachbrett gegen Tennis Racket. Der Rest ist grosse Geschichte. Sein Stern verblasste erst als Holz Rackets nicht mehr den Ansprüchen im Tennis genügten und durch hochgezüchtete industrielle Materialverbindungen ersetzt wurden. Nun im Schach sind wir noch nicht so weit... Holz ist Holz. Gut Holz!

A propos, es gibt um diese berühmte 6. Partie noch verschiedene Verschwörungstheorien die damit zu tun haben, dass Borg Grob ist und Grob Borg - nun ja, vorwärts oder rückwärts gelesen, man kann es sich aussuchen! That's all folks! Kehle trocken, Kehle braucht findigreichen Lagavulin.