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Lucy in the Sky with Diamonds - LSD Schach für Geniesser

veröffentlicht um 17.09.2013, 06:57 von Admin Nimzowitsch   [ aktualisiert: 17.09.2013, 07:01 ]
"I'll be back!" mit steirischem Akzent klingt nach einem guten Einstieg für unsere heutige Kolumne - aber nein. Cavalblanca meldet sich bloss aus der Sommerfrische zurück. Beim Titel der Kolumne mag sich so mancher fragen, was er im Urlaub gegessen, getrunken... oder gar geraucht hat?!

Lange ist es her als die "Fab Four" aus Liverpool den Titel "Lucy in the Sky with Diamonds" sangen. Es ist nicht überliefert, ob sie dabei auch Schach spielten. Andererseits liegt bei den vier Pilzköpfen der Verdacht nahe, dass sie entweder berauscht oder aber halluzinogene Substanzen welcher Art auch immer "intus" hatten, als sie dieses Lied komponierten. Interessierte können gerne den Text des Liedes im Internet suchen und das absurde blabla näher untersuchen, obwohl es offenbar kein "bullshit" ist. Auf dem BlaBlaMeter Index (www.blablameter.com) erreicht der Liedtext lediglich einen bullshit Index von 0.03 oder wie die Seite selber darlegt: Your text shows no or marginal indications of 'bullshit'-English. 

Interessant sagt Cavalblanca dazu oder aber "faszinierend" wie Mr. Spock meint.

Aber halt! Eigentlich soll dies eine Schachkolumne sein. Wieso dann diese Einleitung? Cavalblanca, wie so jeder Schachspieler mit viel Praxiserfahrung hat manchmal nämlich den Eindruck, dass gewisse Schachspieler etwas "zugedröhnt" ans Brett sitzen und spielen - vielleicht ist es auch nur ein Spiegelbild unserer Smartphone Ohrstöpselzeit. Offenbar sind Lieder der Fab Four - insbesondere Lucy in the Sky with Diamonds wieder "in". Es liegt auf der Hand, dass es nicht gerade ratsam ist danach Schach zu spielen - warum sonst verlieren danach Schachspieler regelmässig durch unerklärbare Patzerzüge ihre Partie?

Irgendwo wurde auch geschrieben, dass beim Abspielen von altehrwürdigen Schallplatten rückwärts gewisser Gesangsformationen, vorab im Heavy Metal Bereich aber auch im Falle der Jungs aus Liverpool Schachspieler dazu neigen mephistophelische Schachzüge zu spielen. Allerdings war das bisher nur Silizium Hirnen vorbehalten - eventuell ein Forschungsfeld für irgend einen verrückten Professor? Die Spielpraxis zeigt allerdings, dass ein derartiger Spielstil nicht langfristigen Bestand hat. Warum sonst solllten die Mephisto Schachcomputer der Firma Hegener & Glaser seit den 1990er Jahren verschwunden sein?

Zurück zum eigentlichen Thema: Unerklärbare Lucy in the Sky with Diamonds Patzerzüge. Nicht nur heute via Smartphone, auch zu früheren Zeiten fielen viele Hobby Musik Hörer (aber Profi Schachspieler) wie einst Odysseus den Lockungen des sirenischen Hörgenusses Lucy in the Sky with Diamonds zum Opfer. Dazu folgendes Praxisbeispiel aus dem Kandidatenturnier für die Weltmeisterschaft 1956 in Amsterdam zwischen Petrosian und Bronstein.

Im 36. Zug zog Petrosian Se4-g5, worauf Bronstein ganz einfach 36...Sf5xd6 spielte - Petrosian gab auf! Es ist bekannt, dass Petrosian ein Hörgerät trug. Cavalblanca weiss allerdings aus sicherer Quelle, dass es sich dabei um eine frühe und unausgereifte KGB Version eines Funkempfängers für Schachzüge handelt! So ein Gerät (besser gleich mehrere) besitzt heute jeder moderne Schachspieler, der etwas auf sich hält. Damit ist man äusserst erfolgreich aber bei Schachkollegen nicht besonders beliebt. Das ist der übliche Neid, den jeder Superstarke Grossmeister aushalten muss....

Im Falle Petrosians wurden die Züge aus der KGB Zentrale in Moskau übermittelt, die der berühmte Schachautomat des Erfinders Wolfgang von Kempelen ausspuckte. Es war das Pech des Petrosians, dass ein damals noch unbekannter 16-jähriger Funker namens John Lennon auf seinem Funkgerät seinem Freund Paul McCartney das Projekt für eine gemeinsame Band besprach und auch gleich ein Musikstück dafür zur Hand hatte, welches er auch gleich vorsang. Dabei knackte er versehentlich den vermeintlich genialen Funkcode des KGB und Petrosian hörte Musik statt Schachzüge. Das Stück hiess "Lagavulin in the Streets with a Drink" einer frühen Version, des erst Jahre später umgeschriebenen und adaptiertend Songs "Lucy in the Sky with Diamonds". Der Rest ist Musik- und Schach-Geschichte!

Ein weiterer bemerkenswerter Fall ereignete sich zwischen Kortschnoi und Hübner 1980 im Kandidatenfinale zu Meran, 7. Wettkampf Partie. 

Hübner zog 63. Kd4-d5 und Kortschnoi entgegnete 63...Sg4-e3+. Hübner gab auf! Cavalblanca weiss aus sicherer Quelle, dass Robert Hübner sich am Morgen der Partie bei der Hoteldirektion beklagt hatte, dass er im Zimmer nebenan vor dem Einschlafen laute Musik hörte - nur ein Musikstück: Lucy in the Sky with Diamonds von den Beatles. Hübner packte noch am selben Tag seine Koffer und gab den Wettkampf forfait auf!

Gemäss mehreren aber leider nicht bestätigten Quellen soll Hübner sofort in die USA geflogen sein Richtung New York. Bis zum heutigen Tag hält sich das Gerücht, dass Bobby Fischer inkognito im Big Apple weilte und Robert Hübner in Nähe des Dakota Gebäudes gesehen haben will und sich ihm spontan anschloss, als dieser John Lennon besuchen wollte...

Natürlich ist die Aufzählung halluzinogener Patzerzüge à la Lucy in the Sky with Diamonds nicht abschliessend und wahrscheinlich kann jeder Schachspieler, vom Gross- und Weltmeister bis hin zum Amateur, eigene Beispiele beisteuern. Aber die meisten wollen es nicht zugeben jemals mit Beatles Musik in Berührung gekommen zu sein...

Nachdem wir die dunkle Seite gesehen haben ohne gleich einen galaktischen Krieg vom Zaun zu reissen, wollen wir uns der hellen und schachlichen Seite: LSD Schach für Geniesser zuwenden. Bevor wir zur Auflösung des Akronyms kommen wollen wir zunächst die dazu passenden Schachfragmente präsentieren.

Varasdy - Polgar Z., Fonyod, 1983: Schwarz am Zug.

Schwarz am Zug und das Diagramm aus schwarzer Sicht. Nun, wenn man schon den Namen einer der Polgar Schwestern liest ist es wohl klar, dass hier was für die älteste der dreien, Zsuzsa drin sein muss. Heute wollen wir allerdings keine allzu langen Sherlock Holmes Analysen betreiben und in der Kürze liegt die Würze. Weiss hat offenbar irgend etwas auf b4 geschlagen in der Meinung, dass a5xb4 nicht geht. In der Tag hat Weiss hier richtig gerechnet: 1...a5xb4? scheitert an 2. Ta2xa8 mit Vorteil für Weiss. Was soll das Ganze mag man sich darum fragen, zumal Weiss einen Mehrbauern besitzt. Dafür hat Schwarz gewisse Kompensation mit dem Läuferpaar. Allerdings ist zu bezweifeln, ob dies längerfristig ausreicht - positionell gesprochen. Die Kurzversion des Sherlock Holmes lautet. 1. Schachs. Wir stellen fest: Kein Schachs für Schwarz. 2. Schlagzüge und hier haben wir nebst dem besprochenen 1...a5xb4? keine weiteren aufzuzählen. Bleibt 3. der Blick auf die Drohungen gerichtet - das ist immer etwas schwierig und der geübte Schachspieler greift nicht zur Beatles Platte sondern auf Muster zurück. Was könnte hier Schwarz wohl drohen? Etwa 1...Lf6-g5, wieso nicht? Nachdem allerdings die weisse Dame wegzieht oder eventuell 2.f3-f4 folgt, bleibt für Schwarz nicht viel übrig. Andere Drohzüge wollen nicht einfallen, obschon wir da noch den absurden Zug 1...Lf6-c3 haben. Schon oft genug haben wir in dieser Kolumne gelernt nicht gleich alles zu verwerfen. Die weisse Auswahl ist danach beschränkt. Wegziehen verliert nach 2...Lc3xb4 einen glatten Turm. Auf der Hand liegt der natürliche Zug 2. Dd2xc3, womit Weiss eine Figur gewinnt. Sollen wir darum den kecken Läuferzug verwerfen? Weiterrechnen ist eine weitere Tugend unserer Kolumne und siehe da. Nach 1...Lc3!! 2. Dxc3 axb4! 3. Dd2 Txa2 4. Dxa2 Db6 hat sich das Blatt gewendet! Schwarz steht besser dank günstigem Tauschgeschäft. Statt eines Minusbauern hat Frau Polgar die Qualität gegen einen Bauern und Leichtfigur gewonnen. Zsuzsa gewann im Verlauf die Partie. Welch eine Wendung aus einer eigentlich übersichtlichen und harmlosen Stellung! Ein Genuss für die Schachsinne für jeden Gourmand der Schachkünste.

Kärrman - Andersson, Schweden 1983: Schwarz am Zug.

Unser weiterer Schmackerl stammt aus Schweden und leider konnte ich trotz Datenbank nicht herausfinden, ob es sich bei Andersson um Ulf Andersson handelt aber anzunehmen ist es - obschon, Benny Andersson (ja, der von ABBA!!! logo) kann auch Schach spielen... Es ist leider nicht bekannt, ob Ulf Andersson Beatles oder Abba Fan ist. Ich denke aber, dass angesichts dieser Partie er sicher nicht Beatles Fan sein kann - er spielt nämlich keinen Lucy in the Sky with Diamonds Patzerzug. Demnach wäre wohl der Kehrtschluss, dass er Abba Fan ist und Abba Musikstücke zu Glanzzügen verleiten - eventuell genug Material für einen weitere Kolumne. Was wenn jeder Schachspieler statt Lucy in the Sky with Diamonds das berühmte Abba Stück The Winner takes it all hören würde? Irgendwo kann das nicht sein, weil nicht zwei Schachspieler gleichzeitig einen ganzen Punkt pro Partie einheimsen können... Wohlan, die Suche nach Kandidatenzügen kann beginnen: 1. Schachs, 2. Schlagzüge und letztlich Drohungen. Als Gedankenstütze für die Stellung können folgende Punkte aufgeführt werden: Weiss hat Bauern mehr aber, passiven Tb1, Lf3+Kg2 wirken gekünstelt, Schwarz hat sehr aktiven Sc4, der seine Tentakel wie ein Tintenfisch übers ganze Brett ausstreckt, Lb7+Lc7 wirken wie scharfe Speere auf die weisse Königsstellung, Dg5 aktiv und Th8 auch aktiv (dank oder wegen Minusbauern). Zu 1. den Schachs: Txh2+, Dxg3+ und last but not least, Se3+. 2. Schlagzüge: Txh2+ und Dxg3+ bereits aufgezählt, dann Lxg3, Lxe4, Sxa3, Sxb2. Schliesslich zu den Drohungen: Dh6, sonst fallen mir keine offensichtlichen Drohungen auf. Zur Auswertung: Dh6 kann leicht pariert werden mit z.B. h2-h4 oder auch passiv mit Tf1-h1 - sieht alles nicht gerade schön aus, aber ein sofortiger Gewinnweg für Schwarz ist nicht zu sehen. Schnell können wir auch Sxb2, Sxa3 verwerfen. Weiss schlägt einfach zurück - behält eine Mehrfigur und es ist danach keine Fortsetzung für Schwarz zu sehen. Gleiches gilt für Lxe4. Nach Lxg3 muss Weiss natürlich mit h2xg3 zurückschlagen, denn f2xg3 geht nicht an wegen der Springergabel Sc4-e3+ mit Damengewinn. Einen Aussichtsreichen Kandidatenzug haben wir bis anhin nicht gefunden und vielleicht muss Schwarz mit dem einfachen Th8-h7 vorlieb nehmen mit der Absicht die Türme auf der h-Linie zu verdoppeln. Aber noch sind wir nicht dort angekommen. Die Schachgebote sind noch zu prüfen. Dg5xg3+ hilft nicht weiter, denn Weiss schlägt einfach mit h2xg3 zurück - keine Fortsetzung für Schwarz in Aussicht. Mit Th8xh2+ ist auch kein Lorbeerkranz zu gewinnen. Nach Kg2xh2 und Schachgebot durch Schwarz auf der h-Linie mit Dame oder Turm stellt Weiss selber einen Turm auf die h-Linie hin. Damit wären wir beim letzten zu prüfenden Zug, nämlich 1...Sc4-e3+. Weiss muss zurückschlagen, sonst verliert er die Dame. Also 1...Sc4-e3+ 2.f2xe3 und nun kann Th8xh2+ folgen. Weiss hat nur zwei Möglichkeiten A 3.Kg2-g1 was nach 3...Dg5xg3+ 4.Lf3-g2 Dg3xg2# zu Matt führt. Die andere Möglichkeit ist für Weiss nicht wirklich besser B 3.Kg2xh2 Dg5xg3+ 4.Kh2-h1 und Dg3-h2#. Unglaublich, die ganze Deckung bestehend aus f2-g3-h2 wurde hinweggefegt und der weisse Monarch wurde zur Strecke gebracht. Bemerkenswert schön! Wenn einem etwas Gutes widerfährt, dass ist ein Asbach-Uralt wert - Schluck und weg!

Etwas angeheitert durch den Weinbrand können wir uns dem letzten Beispiel zuwenden.

Adgestein - Wells, Gausdal 1983: Schwarz am Zug (zur Abwechslung aus weisser Sicht).

Dies ist nach der üppigen Mahlzeit zuvor nur noch die Nachspeise. Was ist hier zu sagen? Oder wo spielt die Musik? Etwas aus der Ferne glauben wir Lucy in the Sky with Diamonds zu hören aber vielleicht ist das auch nur ein Echo vergangener Stellungen. Es folgt keine Berieselung mit Beatles Musik mehr. Also, schaut man einfach so hin, glaubt man in der Stellung sei nicht viel los. Es fällt die unübliche Stellung Kf1 auf - hat der was getrunken? Ansonsten schein alles im normalen Bereich zu liegen. Sh5 und Lh6 sind allerdings speziell und Tc8 und Te8 sind aktiver als ihre Gegenparts. Besondere Drohzüge für Schwarz kann ich nicht ausmachen. Als Schlagzüge haben wir Te8xe2 und Sh5xg3+ im Angebot. Allerdings fehlt es beiden Zügen an den zwingenden Fortsetzungen. Zwar steht Kf1 nach 1...Sh5xg3+ 2.f2xg3 etwas luftig da, doch an ein Rankommen ist nicht zu denken. Was die Schachgebote betrifft, so liegt ledigtlich die Möglichkeit 1...Db6xf2+ vor - Achtung verliert die Dame! Trotzdem soll weitergerechnet werden - das haben wir hoffentlich in der Zwischenzeit gelernt! Okay, 1...Db6xf2+ es muss folgen 2.Kf1xf2 und jetzt erhaschen wir Lh6-e3+ wonach nur 3.Kf2-f1 bleibt (da stand er auch schon). Indes, es folgt 3...Sh5xg3# und wir geniessen die Geometrie des Schachbretts mit allen Sinnen!

Das war es nun - LSD Schach für Geniesser oder anders gesagt Läufer-Springer-Dame Schach für Geniesser (ich sehe schon einen Leserbrief von Malaga Turm mit Beschwerden er sei vernachlässigt worden - nächstes Mal lieber Malaga Turm, nächstes Mal!).
Nicht vergessen: Immer die Ohren schön steif halten und zwischendurch mit gutem Sound auftanken!

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